40 Jahre Fusion

Die Landesregierung Baden-Württemberg forcierte ab Beginn der 1970er-Jahre Bestrebungen zur Reform des öffentlichen Gemeinwesens, in deren Zuge größere leistungsfähigere Verwaltungseinheiten geschaffen werden sollten.

Karlsruhe setzte zum Sprung an und drohte mit Eingemeindungen. Eggenstein und Leopoldshafen befanden sich im Zugzwang: beide Orte sollten sehr zum ungläubigen Entsetzen ihrer Einwohnerschaft in größeren Verwaltungseinheiten aufgehen. Die Landesregierung machte Ernst mit ihren Planungen und inmitten der mit Zähneknirschen geführten erzwungenen Verhandlungen mit den Nachbargemeinden fand sich quasi in letzter Minute eine sogenannte „kleine Lösung", die mit Eggenstein und Leopoldshafen eine Fusion von lediglich zwei Gemeinden vorsah.

So geschah es, und nach der Vertragsunterzeichnung durch die Bürgermeister Emil Knobloch von Eggenstein und Hermann Uebelhör von Leopoldshafen am 17. Mai 1974 in der Aula der Eggensteiner Hauptschule trat die Gemeindefusion zum 01. Dezember 1974 in Kraft.

Umbau Rathaus mit Bürgermeister Will 1992zoom
Umbau Rathaus mit Bürgermeister Will 1992
Gemeinderat 1975 -1980 im Juni 1980zoom
Gemeinderat 1975 -1980 im Juni 1980

Altgemeinderat Gerhard Ueberle:
40 Jahre nach der 1974 erfolgten Fusion präsentiert sich Eggenstein-Leopoldshafen heute als moderne und attraktive Gemeinde vor den Toren der Stadt Karlsruhe. Das gepflegte Erscheinungsbild der Straßen, Plätze und Grünanlagen kennzeichnet ein behagliches Wohnumfeld, das in Verbindung mit einer zeitgemäßen und bedarfsgerecht ausgebauten Infrastruktur sowie dem hohen Freizeit- und Erholungswert der nahen Rheinauen durchaus mit dem Prädikat ’Wohlfühlen in Vielfalt’ umschrieben werden kann.  
Seit dem Zusammenschluss wurde im Lauf der Jahre die Palette der kommunalen Leistungen stetig ausgeweitet. Erst ein genauerer Blick in die Gemeindekasse zeigt aber die finanziellen Auswirkungen als Schattenseite dieser Entwicklung: Gut 15 Millionen Euro Schulden wurden mittlerweile in den beiden Eigenbetrieben der Wasserversorgung/ Abwasserbeseitigung angehäuft.  
Hinzu kommen die in der ’Mittelfristigen Finanzplanung’ aufgeführten Vorhaben   - insbesondere der Neubau eines weiteren Kindergartens und die zur Errichtung einer Gemeinschaftsschule erforderlichen Aufwendungen - die nach derzeitigem Planungsstand in den kommenden drei bis vier Jahren zu einem erneuten Kreditbedarf in vergleichbarer Höhe führen.  
Mit einem Gesamt-Schuldenstand von dann rund 30 Millionen Euro schrammt die Gemeinde Eggenstein-Leopoldshafen jedoch hart an die Grenze ihrer Kreditwürdigkeit. Ursache und Wirkung dieses Dilemmas dürfen deshalb jedoch bei der Spurensuche nicht durcheinander geraten. Der Blick auf ein scheinbar unerschöpfliches Rücklagenpolster hat insbesondere die Haushaltsjahre 1987 – 1993 geprägt. Trotz vielfältiger Mahnungen hat die Ratsmehrheit damals den Kapitalbedarf zur Sanierung und Ertüchtigung unseres erkennbar maroden Abwassernetzes allzu lange unterschätzt und die seinerzeit dafür in ausreichendem Maß verfügbaren Haushaltsmittel für anderweitige Projekte ausgegeben.  
Beispielhaft hierfür sind der weit über den veranschlagten Kostenrahmen hinaus vollzogene Umbau des Eggensteiner Rathauses und die identisch kostspielige Errichtung von zwei Feuerwehrgerätehäusern zu nennen. Rückblickend können diese Entscheidungen gewiss nicht zu den glücklichsten unserer Fusionsgeschichte gezählt werden. Dass auch hier die alternativ vorgeschlagenen Varianten sinnvoller gewesen wären, zeigen heute die in unseren Nachbargemeinden im Sinne des Zusammenwachsens umgesetzten Gemeinschaftslösungen.
In welchem Umfang das seither Erreichte erhalten werden kann, wird nun davon abhängen, mit welchem Resultat die jetzt anstehenden Herausforderungen gemeistert werden. So bleibt am Ende also nur zu wünschen, dass die zu erwartenden Einschränkungen glimpflicher, als dies heute zu befürchten ist, ausfallen und unsere Doppelgemeinde dann im Jahr 2024 auch das 50 jährige Fusionsjubiläum trotz allem heiter und in kommunaler Selbstverwaltung feiern kann.

Willi Hötzel, ehemaliger Hauptamtsleiter:
„Ich habe miterlebt, wie schwierig es war, die anstehenden Entscheidungen – auch zum Wohle der Einwohnerschaft – zu treffen. Bis zum Vollzug der gemeinderätlichen Entscheidungen war die Verwaltung ständig im Dialog mit der Bürgerschaft. Gerade der Aufbau einer modernen, bürgernahen Verwaltung unter der Beachtung der Forderung der Gemeinderäte auf Wahrung des Besitzstandes des vorhandenen Personals war nicht immer einfach. Im Frühjahr 1975 fanden mehrere Wahlen statt, die von der nun größer gewordenen Verwaltung organisiert werden mussten. Aber auch die Vereinheitlichung des Ortsrechts war ständiger Tagesordnungspunkt in den Verwaltungsausschüssen und im Gemeinderat.“

Mario Schönleber, Vorsitzender des Eggensteiner Ortskartell: 
„Ich bin Eggenstein-Leopoldshafener! - Als ich 1968 nach Eggenstein gezogen bin, war Leopoldshafen der Nachbarort und Wohnort vieler meiner Schulfreunde. Nach meiner Heirat 1978 mit einer Eggensteinerin wohnten wir 22 Jahre in Leopoldshafen bis wir im Jahr 2000 in ihr elterliches Haus nach Eggenstein gezogen sind. Meine 3 Söhne sind in Leopoldhafen groß geworden. Für uns alle gab es noch nie ein Ortsteildenken. Wir sind Eggenstein-Leopoldshafener und fühlen uns in beiden Ortsteilen zu Hause. Ich danke den Herren Uebelhör und Knobloch für ihre damalige Weitsicht und hoffe, dass die Entwicklung „meines Ortes“ so weitergeht.“

Vertragsunterzeichnung durch die Bürgermeister Emil Knobloch von Eggenstein und Hermann Uebelhör von Leopoldshafen am 17. Mai 1974 in der Aula der Eggensteiner Hauptschule zoom
Vertragsunterzeichnung durch die Bürgermeister Emil Knobloch von Eggenstein und Hermann Uebelhör von Leopoldshafen am 17. Mai 1974 in der Aula der Eggensteiner Hauptschule

Band 2 der Geschichtsblätter von Steffen Dirschka "Im Sog der Reformen: Wege zur Gemeindefusion 1974" können im Rathaus für  3 € erworben werden.

Sie haben uns Ihre Meinung gesagt

Im Amtsblatt und auch hier hatten wir dazu aufgefordert uns Ihre Sicht auf die Gemeindefusion mitzuteilen. Lesen Sie nachfolgend einige Statements.

Wir danken für die Beiträge!

Wolfgang Knobloch, ehrenamtlicher Museumsleiter:
Scho vierzich Johr, isch des wohr?
Eggstoi un Schreck - koi Lieb, awwer Zweck!
D'Vernunft, die had g'siegd,
ma had sich jo lang g'nug bekriegd.
Mer behalde die Namme
un wachse schnell z'amme.
S'isch heid alles normal -
bis uff de Schlagbaam am Pfinzkanal!   

Mail von Rosemarie Schnürer nach eigener Aussage "als ältere Einwohnerin":

"Nach meiner Ansicht war die damalige Fusion eine "Liebesheirat". Meine Erfahrungen und Erlebnisse in einem Leben in meinem Heimatort Eggenstein und dann Eggenstein-Leopoldshafen waren fast immer gut.
Schon im Kindesalter war ich oft in Leopoldshafen bei Verwandten und Bekannten. Dann in späteren Jahren haben auch unsere Kinder dort das ehemalige "Schröck" als Wohnsitz gewählt. Denke auch, daß es bei einer Liebesheirat Probleme gibt, welche dann auch immer bei Verständnis und Entgegenkommen gelöst werden können".  

Pfarrer Kendel, evangelische Kirchengemeinde Leopoldshafen:

"Da wir in Baden leben, sind wir nicht erst mit 40 Jahren klug geworden, aber vielleicht werden wir noch klüger und können die kleinen Rivalitäten und Scharmützel ganz und gar humorvoll nehmen. Ich erlebe Eggenstein-Leopoldshafen als einen Ort mit hoher Lebensqualität, mit Attraktivität, mit hohem bürgerschaftlichen und ehrenamtlichen Engagement. Ich erlebe als Pfarrer Solidarität und Hilfsbereitschaft, ich erlebe aber auch Anspruchsdenken und würde mir wünschen, dass Dankbarkeit und Kritikfähigkeit sich die Waage halten.  Dann ist der Pfinzkanal ein gemeinsames Naherholungswasser und kein Trennfluss."

Rede Dr. Kendel Festabend 1.7.2014

Adolf Hauf: Fusionsvertrag - Gemeinsames Bürgerzentrum am Pfinzkanal?
Im Fusionsvertrag war vereinbart ein gemeinsames Bürgerzentrum zentral am Pfinzkanal zu bauen. In den folgenden Jahren beschloss der Gemeinderat unter den damaligen Machtverhältnissen eine Abkehr davon und  beschloss stattdessen den Ausbau des Eggensteiner Rathauses als Sitz der Gemeindeverwaltung. Im Leopoldshafener Rathaus wurde neben dem Grundbuchamt lediglich ein "Bürgerbüro" untergebracht. Als Ende der Geschichte wurde im Jahr 2013 dann das "Bürgerbüro" in Leopoldshafen geschlossen. Lieber Leser, wenn sie mir als "altem Schröcker" jetzt "Ortsteil-Denken" vorwerfen, dann überlegen sie doch mal, wer hier in den letzten 40 Jahren "Ortsteil-Fakten" geschaffen hat. Meine Hoffnung für die Zukunft ruht auf der jüngeren Generation, die in Eggenstein-Leopoldshafen "hineingeboren" wurde und die nach meiner Einschätzung mit ihrem Denken und Handeln am Pfinzkanal nicht halt macht.        

Brigitte Schilli: Glaubt man den Überlieferungen alter Gemeindebürger, war die Fusion vor 40 Jahren eher eine Vernunftehe, damit die Steuereinnahmen aus der Atomforschung, nicht an die Stadt Karlsruhe fließen. Vor 23 Jahren neu zugezogen, spürte man immer das große Tabuthema Naturverseuchung durch Atomabfälle, Krebsfälle, Atomsuppe, über das nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wurde, deren Ausmaß erst in jüngster Zeit öffentlich wurde und bis heute wie ein Schatten über dem Wohlfühlort Eggenstein-Leopoldshafen liegt. In vielen anderen Bereichen menschlich und kulturell kann ich das Zusammenwachsen als geglückt empfinden, auch wenn beiderseitige Empfindlichkeiten hier und da durchscheinen, es ist eine Ehe mit allen Möglichkeiten für Jung und Alt geworden.
Mein Appell: Alte und neue Gesamteinwohner sollten zusammen ein Auge auf den Ort, die umgebende Natur und die einmaligen Rheinauen halten, damit der Wohlfühlcharakter nicht" kommerziellen Rosinenpickern und dem Geld zum Opfer fallen.

Karin Seidel: Mein Mann und ich sind vor fünfzig Jahren nach Leopoldshafen gezogen. In den ersten Jahren nach der Gemeindefusion habe ich noch häufig ein ausgeprägtes Ortsteildenken beobachtet. Mittlerweile ist dies sehr in den Hintergrund getreten und für mich wenig spürbar. Dies schreibe ich vor allem unserer Gemeindeverwaltung mit Bürgermeister Stober und dem Gemeinderat zu, die sich um Objektivität und Ausgleich der Interessen bemühen. Besonders schätze ich, dass sie immer ein offenes Ohr für die Anliegen der Bürger haben.  

Günter Kast, Gemeinderat von 1971 - 2009: Ich war als junger Gemeinderat an den Fusionsverhandlungen beteiligt. Insofern sehe ich das damals erzielte Ergebnis, die Vereinigung unserer beiden Gemeinden, im Gegensatz zu den seinerzeit   im Raum stehenden Fusionsmöglichkeiten nur positiv.   Ausgesprochen gut gefällt mir auch der Name Eggenstein-Leopoldshafen, weist er doch direkt auf die ehemals selbständigen Gemeinden Eggenstein und Leopoldshafen hin und ist kein an den Haaren herbeigezogenes Namensgebilde wie sie damals im Raum standen. An Attraktivität mangelt es in unserer Gemeinde nicht, da die Vereine und Organisationen in den beiden ehemaligen Gemeinden erhalten werden konnten. Verbesserungswünsche hinsichtlich der seinerzeitigen Fusionslösung habe ich derzeit keine. Mein Wunsch an Gemeinderat und Verwaltung ist der, sich nicht über Gebühr zu verschulden. Man muss nicht allen politischen Vorgaben sofort das Wort reden und dadurch finanzielle Bindungen eingehen.

Manfred Will, Bürgermeister a.D.:
Sowohl im Rückblick als auch in der Vorausschau gehört der Zusammenschluss von Eggenstein und Leopoldshafen   zu den gelungenen Beispielen der damaligen Verwaltungsreform. Als Vernunftehe gestartet hat sich das Bündnis in vielfacher Hinsicht   bewährt. Die emotionsfreie Abschaffung der unechten Teilortswahl schon vor über 30 Jahren kann als Beweis für eine konstruktive gemeinsame Entwicklung gesehen werden. Vieles, was unsere Gemeinde heute attraktiv und wohnenswert macht, gründet in der durch die Fusion neu gewonnenen Stärke. Dennoch sollte der Blick der jetzt Verantwortlichen für die interkommunale Zusammenarbeit mit Nachbargemeinden auf der Hardt im Sinne der bei Gemeindereform verworfenen „großen Lösung“   geschärft werden. Bei aktuell gesteigerten finanziellen Herausforderungen wie z.B. im Bereich der Schulen würde das nachhaltige Vorteile für Alle bringen. Diese Form des   Miteinander entspricht im Übrigen auch meinem Verständnis nach Bewahrung der ortsteilbezogenen Identifikation im Sinne einer bürgernahen Verwaltung, welche ich nach wie vor als bedeutsam ansehe.

Wir danken allen Mitwirkenden am Fusionsjubiläum für ihre Unterstützung.

 
Wappen der Gemeinde Eggenstein-Leopoldshafen

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